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Auch in der Schweiz ist die Menschenwürde nicht immer garantiert

30 Aug 18
Lea Schreier

Branka Goldstein, die Frau hinter der IG Sozialhilfe, erklärt, warum es in der Schweiz praktisch keine sozialen Rechte gibt und wie Armutsbetroffene darunter leiden. Sie kritisiert die Verelendung von Menschen im Versteckten und fordert die Errichtung eines Sozialgerichts. Das Porträt einer Frau, die sich unermüdlich für die Bedürftigen in unserem Land einsetzt, die mach anderer lieber übersehen möchte.

Die IG Sozialhilfe kümmert sich seit über zwanzig Jahren um Randständige und Armutsbetroffene in der Stadt Zürich. Die starke Frau hinter dem Verein ist Branka Goldstein. Sie fordert die rechtliche Besserstellung von Armutsbetroffenen in der Schweiz Nach einem Leben im Dienst der Bedürftigen tritt sie seit diesem Sommer etwas kürzer.

Abends um 19 Uhr ist im Kafi Klick, einem Treffpunkt und Internetcafé für Armutsbetroffene in Zürich, schon aufgestuhlt und gewischt. Die Computer sind ausgeschaltet, die Bildschirme schimmern schwarz. Auf einem Holztisch vor der Küche steht eine Kiste mit Artischocken, an einer Kleiderstange an der Wand hängen Pullover, Blusen und Hosen, alles zum Mitnehmen. Branka Goldstein, Gründerin des Vereins IG Sozialhilfe, die das Kafi Klick betreibt, nimmt zwei Stühle vom Tisch, stellt sie auf den Boden und setzt sich hin. Es ist der Auftakt für ein langes Gespräch über soziale Missstände auf der Wohlstandsinsel Schweiz.

Die IG Sozialhilfe ist ein «Verein zur Verwirklichung der Menschenrechte für Armutsbetroffene in der Schweiz», so lautet der vollständige Name der Organisation, die 1994 gegründet wurde. Goldstein erklärt: «Die Menschenrechte sind eingeteilt in Freiheitsrechte, soziale Rechte und Minderheitenrechte. Wir beschäftigen uns mit der sogenannt zweiten Generation, den sozialen Rechten. Und von denen gibt es in der Schweiz praktisch keine». Diesem Mangel will die IG Sozialhilfe entgegentreten – mit einer Zeitschrift und mit Veranstaltungen rund ums Thema Armut und soziale Ungerechtigkeit, um die nicht betroffene Gesellschaft auf Missstände aufmerksam zu machen. Und hauptsächlich natürlich mit vielfältigen Tätigkeiten für Armutsbetroffene selber. Zum Beispiel mit dem Kafi Klick, das nicht nur ein Treffpunkt ist, wo mittags eine warme Mahlzeit serviert wird: Die Computer dienen dazu, das Recht auf Information zu gewährleisten. Gerade Migrantinnen und Migranten schätzten es sehr, im Kafi Klick Online-Zeitungen aus der Heimat lesen zu können, sagt die 63-jährige Zürcherin.

Was ist menschenwürdig?

Das Grundrecht auf Hilfe in Notlagen ist in Artikel 12 der Bundesverfassung festgehalten – jeder Mensch in der Schweiz hat Anspruch auf Unterstützung, die ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Für Branka Goldstein ist das aber ungenügend, weil die Geldbeträge, die Hilfsbedürftigen zustehen, nicht genau festgelegt sind. Und weil nicht näher definiert wird, was «menschenwürdiges Dasein» letztlich bedeutet. «Würde» ist für Goldstein ein zentraler Begriff, und sie ist entschieden der Meinung, dass Armutsbetroffenen in der Schweiz ein Leben in Würde versagt wird. Vielmehr sei ihr Alltag von Diskriminierung und Stigmatisierung geprägt. Besondere Sorge bereitet ihr die Situation der Kinder von SozialhilfebezügerInnen, die nicht ins Klassenlager fahren, kein Instrument spielen, kaum Sport treiben könnten, weil das Geld fehle. «So muss man sich die Existenzsicherung vorstellen», sagt Goldstein: «Nichts von dem, was absolut selbstverständlich ist in unserer Kultur, wird bezahlt von der Sozialhilfe».

Branka Goldstein verwendet den Begriff Sozialapartheid, um diese Zustände zu beschreiben. Dass sie sich dagegen wehrt, hat viel mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun. Als Tochter eines jüdisch-jugoslawischen Partisanen, der den Holocaust überlebt hatte, habe sie am eigenen Leib erfahren, was Ausgrenzung bedeute, erzählt sie. «Meine Arbeit mit Armutsbetroffenen gibt mir das Gefühl, dass ich wenigstens in minimalster Weise etwas gegen die extreme soziale Ungleichheit und das faschistoide Gedankengut in diesem Land unternehmen kann.

»Die Mutter im Zentrum»

Ihr Wirken bezeichnet Goldstein als «minimalst». Das zeugt von grosser Bescheidenheit, ihr Engagement ist nämlich von maximalem Einsatz geprägt. Sie hat die sogenannte matrizentrischen Sozialtherapie entwickelt: eine Form der Betreuung, in der Armutsbetroffene und Kranke von einer Mutterfigur ganz persönlich betreut werden – einer Mutterfigur mit «hohem beruflichen Wissen in Medizin, Trauma-Therapie und Sozialpädagogik», wie Branka Goldstein betont. Sie hat ihre Diplomarbeit in Publizistik über die matrizentrische Sozialtherapie verfasst, ausserdem ist sie ausgebildete medizinische Praxisassistentin und hat Weiterbildungen in Sozialpädagogik, Trauma, Psychiatrie und palliativer Medizin besucht. Die matrizentrische Sozialtherapie sei eine subversive Idee, weil es nicht darum gehe, sparsam und rationell zu verwalten. Sondern darum, der betreuten Person endlich «jene Zuwendung zu geben, die sie braucht und die sie in ihrer Kindheit nicht erfahren hat.» Das gelte besonders für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, ergänzt Goldstein: Es sei eine Therapieform, die sich nur für die Behandlung extrem verwahrloster Menschen eigne.

In der Praxis bedeutet die matrizentrische Sozialtherapie einen enormen Kraftakt: Rund um die Uhr da sein für die Betreuten. Während mehr als zwanzig Jahren betrieb Branka Goldstein ein Wohnprojekt für Randständige, das Herzstück ihrer Arbeit. Auf ihren eigenen Namen mietete sie bis zu zwölf Wohnungen, in denen verwahrloste Obdachlose und Suchtkranke wohnen durften. Goldstein sorgte für sie, regelte ihre Finanzen, begleitete sie zu Arztbesuchen. «Die Menschen, die eine Wohnung erhielten, waren unglaublich stolz und glücklich darüber – wenigstens einmal im Leben hatten sie einen Ort für sich», sagt Goldstein.

Katastropheneinsatz am Platzspitz

Viele der Menschen, die Branka Goldstein im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte betreut hat, waren Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, schwer traumatisiert. Auch auf dem Platzspitz, der offenen Zürcher Drogenszene, wo Goldstein Ende 80er-, Anfang 90er-Jahre als Krankenschwester arbeitete. «Das Schweizerische Rote Kreuz, bei dem ich angestellt war, wertete das als Katastropheneinsatz – wie wenn ich heute in Syrien oder in Somalia tätig wäre», erinnert sie sich. Die Zustände auf dem Platzspitz seien schrecklich gewesen – totale Verelendung der Süchtigen, Gewalt vonseiten der Polizei und der Grossdealer. Doch sie habe dem auch etwas Positives abgewinnen können: Das Elend sei dort für alle sichtbar gewesen. «Diese Verelendung gibt es auch heute noch, nur ist sie versteckt. Das ist viel gefährlicher.» Wegschauen ist einfacher geworden.

Branka Goldstein fordert, dass die sozialen Rechte in der Schweiz viel konkreter geregelt werden. Sie schlägt die Einrichtung eines Sozialgerichts vor – ähnlich der Arbeitsgerichte und Mietgerichte, wo Konflikte paritätisch geregelt werden. «Soziale Menschenrechte müssen konkret und einklagbar sein, sonst greifen sie nicht». Mit dem «Recht auf Obdach» etwa könne ja nicht gemeint sein, dass Randständige doch in einer Notschlafstelle oder einer Scheune übernachten sollten, sagt sie.

Ob es jemals so weit kommen wird? Branka Goldstein ist nicht optimistisch, was die Stellung von Armutsbetroffenen in der Schweiz betrifft. Die Sparwut werde immer schlimmer. Goldstein aber hat ihren Beitrag geleistet und wird bald kürzertreten. Im Sommer wird die dreifache Mutter und fünffache Grossmutter, die einen jugendlichen schwarzen Kapuzenpulli trägt, pensioniert. Der Verein IG Sozialhilfe und das Kafi Klick werden auch danach noch betrieben. Für ihr Wohnprojekt aber hat sie keine Nachfolge gefunden, zu ihrem grossen Bedauern. «Alle sprechen viel von Solidarität, aber wenn es wirklich um die Sache geht, ist heute kaum mehr jemand bereit, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen. Die Anforderungen sind viel zu hoch», sagt sie und räumt ein, dass die Belastung auch für sie sehr gross gewesen sei. Nun, nach einem Leben im Dienst der Armutsbetroffenen, freut sich Branka Goldstein auf mehr Zeit für sich selber.

Von Anna Trechsel

Dieser Artikel ist erstmals im Magazin „Sozial Aktuell“ von Avenir Social erschienen (Ausgabe Nr. 5, Mai 2018)

 

Wichtig zu Wissen

Kleine Geschichte der Menschenrechte

Menschenrechte sind historisch gewachsen, Ansätze finden sich schon in der Antike. Heute werden sie meist in drei Generationen unterteilt. Die erste Generation ist inspiriert von der amerikanischen und der französischen Menschenrechtserklärung des späten 18. Jahrhunderts. Diese bürgerlichen und politischen Rechte umfassen den Schutz der körperlichen Unversehrtheit, etwa das Folterverbot. Dazu gehören auch Freiheitsrechte wie freie Meinungsäusserung, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit und Versammlungsfreiheit.